Hans Seewald - unser Ameisenspezialist von der BUND Ortsgruppe PDF Drucken E-Mail

Leonberger Kreiszeitung

  Autor: Peter Meuer

 

 

 


"Die greifen alles an, was sich dem Bau nähert"

Auch am Flachter Hartmannsberg und der Friedenshöhe machen Mensch und Tier den Waldameisen oft zu schaffen

Weissach. Über 50 Waldameisenvölker gibt es dieser Tage wieder in der Natur um Flacht und Weissach. Das ist auch der Verdienst der Bundes für Umwelt und Naturschutz. Der Flachter Hans Seewald gehört zu den Flachter Schutzengeln der rot-schwarzen Insekten.

 Hans Seewald beobachtet mit der Lupe Waldameisen am Hartmannsberg, die ihren Staat in einem Baumstumpf errichtet haben. Zum Dank für seinen unermüdlichen Einsatz zwicken ihn die Soldaten des Volkes erstmal mit ihren Mandibeln in die Hand. "Tut aber nur ein bisschen weh", sagt der 76-Jährige.
Fotos: factum/Granville
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hans Seewald stapft durch den Schlamm am Flachter Hartmannsberg. Plötzlich bleibt er stehen. Sein Kennerblick geht nach unten. Waldameisen kreuzen seinen Weg. Die rotschwarzen, halbzentimeterlangen Insekten haben Gräben gebaut, quer über den Feldweg. In endlosen und unermüdlichen Kolonnen ziehen sie an Seewalds schweren Schuhen vorüber. Hans Seewald, den Rucksack an der Schulter, die Lupe in der Hand, freut sich über die Begegnung und schüttelt Naturwissen über die Sechsbeiner aus dem Ärmel. "Bis zu 500 Meter entfernen sich Ameisen von ihrem Bau", sagt er. Dann macht er einen großen Schritt über die Ameisenstraße hinweg und setzt seinen Weg fort, weiter in den Wald am Hartmannsberg.

 

Hans Seewald erzählt von der Historie des Naturschutzes in Deutschland, und welche Rolle die Waldameisen darin einnehmen. Die Geschichte beginnt im 19. Jahrhundert. Bismarck und das Kaiserreich kommen darin vor. "An die 150 Jahre stehen die Waldameisen in Deutschland unter gesetzlichem Schutz", sagt er. Und wer sich die Gesellschaftsordnung der Waldameisen anschaut, fühlt sich wirklich ein bisschen ins alte Preußen zurückversetzt. Gut, es gibt weder Kaiser, noch König - der Chef ist eine Frau, die Ameisenkönigin. Doch die Ameisenstaaten sind streng hierarchisch organisiert, es gibt Arbeiter, Kundschafter und Soldaten. "Die greifen alles an, was sich dem Bau nähert", sagt Hans Seewald und beugt sich mit der Lupe über einen alten Baumstumpf. Das morsche Holz hat sich ein Ameisenvolk als Heimat auserkoren. Sekunden später erklettern Krieger-Ameisen seine Hand und zwicken ihn mit ihren Mandibeln. "Brennt schon ein bisschen", sagt Seewald. Bei einer Führung auf der schwäbischen Alb hat er sogar einmal das Ergebnis eines ausgewachsenen Krieges zwischen zwei Ameisenvölkern beobachten können. "Da lagen Hunderte Tote, sie haben um Futterquellen gekämpft."

 

Trotz dieser militärischen Organisation: Auch heute noch benötigen Waldameisen Schutz, vielleicht mehr denn je. Erst 2005 erklärte man die Hügelbauer im Bundesnaturschutzgesetz zu den "besonders geschützten Tierarten". Jeder Eingriff in die "Neststruktur", sprich Zerstörung von Bauten und Ameisenhügeln, sei "strengstens untersagt."

 

Dennoch: Pinkelnde Hunde, Jugendliche mit Stöcken, Stürme, Pestizide und Straßenbau machen den Sechsbeinern schwer zu schaffen. Auch in Flacht, wo auf Hartmannsberg und Friedenshöhe viele Völker leben.

 

Und das ist auch der Grund für Hans Seewalds regelmäßige Streifzüge durch die Natur. Der 76-Jährige engagiert sich im BUND Weissach für den Naturschutz. Um die Ameisen kümmert er sich gemeinsam mit Kuno Gmeiner. Die Naturschützer leisten Aufklärungsarbeit, sprechen mit Jugendlichen, Forst- und Landwirten. Sie ziehen Zäune aus Holz und Draht um die Bauten, decken die Ameisenhügel im Winter mit Zweigen ab.

 

Mit Erfolg: Als Hans Seewald vor Jahren anfing, gab es 45 Völker in der Natur um Weissach und Flacht. Heute sind es wieder 55, so schätzt er. "Wobei wir sicher 15, 20 Völker noch gar nicht entdeckt haben", sagt er. "Ich habe das Gefühl, die Menschen hier sind mittlerweile etwas sensibilisiert." 

 

 
Mindestens sieben verschiedene Ameisenarten leben in der Natur um Weissach-Flacht.
 

 

Schließlich seien die Waldameisen nützlich durch und durch. Sie lockern den Boden auf, bringen Samen in Umlauf, bekämpfen Schädlinge wie den Borkenkäfer. Das Umsiedeln der Völker sei allerdings nur ein Mittel im äußersten Notfall, verrät Hans Seewald. "Das übersteht manchmal nur ein Drittel des Volkes", ergänzt er. Und wirft ein: "Ein Volk ist zwischen 500 000 und 1 Millionen Ameisen stark." Etwa sieben Waldameisenarten kommen an Hartmannsberg und Friedenshöhe vor. Selbst ein passionierter Naturschützer wie Hans Seewald kann die einzelnen Arten nicht immer unterscheiden. Da gibt es die "Formica polyctena", die "kahlrückige Waldameise", die "Formica rufa", die "Rote Waldameise", die "Formica pratensis", die "Wiesen-Waldameise." Oft beschränken sich die Unterschiede auf die Frage, ob der Kopf rostrot oder bräunlich-schwarz daher kommt. Hans Seewalds Reise an diesem Tag endet an einem grünen Dreiecksschild mit einem Falken in der Mitte.

 

"Der Hartmannsberg ist ja Naturschutzgebiet", erklärt er. Nur um die Ameisen geht es ihm nicht. Da gibt es beispielsweise auch die Frösche und Salamander, denen er und die anderen BUND-Mitarbeiter über die Straße helfen. Da gibt es den Turmfalken, der einen Brutkasten benötigt. Da gibt es auch noch das langblütige weiße Waldvögelein, eine seltene Orchideenart.

 

Doch die Ameisen, die faszinieren schon auf besondere Weise. Weil sie sich "im Flug paaren können", wie Seewald erzählt. "Das ist doch mal eine sportliche Meisterleistung!" Weil sie "uns Menschen in vielerlei Hinsicht überlegen sind, was die Überlebensfähigkeit angeht." Zum Schluss sagt Hans Seewald: "Wir stärken die Ameisen, weil sie einfach jemanden brauchen."

 
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